Es sind Helden

Die Deutschen haben ein Problem mit Helden. Das hat mit unserer Geschichte zu tun, weil beim Begriff des Heldentums stets ein martialischer Unterton mitschwingt. Vor allem aber erscheint es uns als archaisches Konzept, das wie ein Fremdkörper in unsere saturierte, an Mitte und Mittelmaß orientierte Gegenwart hineinragt.

Tatsächlich zeigen uns die Ukrainer gerade, dass Tragik noch immer Bestandteil der Conditio humana ist und deshalb auch das Heldentum weiter zu unserer Gegenwart gehört. Niemand verkörpert das besser als die Helden von Mariupol, die sich 83 Tage ohne Hilfe von außen, ohne Nachschub und abgetrennt von der Welt gegen den russischen Aggressor gewehrt haben.

Viele haben ihr Leben geopfert in ihrem bewundernswerten Widerstand gegen die russische Übermacht. Und selbst als längst klar war, dass sie diesen Kampf auf lange Sicht nur verlieren konnten, haben sie daran festgehalten. Wenn es schon nicht mehr aussichtsreich schien, die Stadt vor der Übernahme durch Russland zu retten, so wollten sie wenigstens russische Kräfte in Mariupol binden, um es der Ukraine zu ermöglichen, die Front an anderen Stellen gegen die neue Offensive Moskaus im Osten zu halten.

Die Abwehrschlacht von Mariupol ist ein Stoff, aus dem Bestseller und Hollywood-Filme entstehen. Und es tut dem Mythos der Stadt und seiner Verteidiger auch keinen Abbruch, wenn jetzt verwundete Soldaten in russische Kriegsgefangenschaft evakuiert werden, um später gegen russische Kriegsgefangene in ukrainischem Gewahrsam ausgetauscht zu werden – was möglicherweise ein erster Schritt ist für die gänzliche Evakuierung des Asow-Stahlwerkes.

Die Helden von Mariupol haben alles gegeben, mehr, als jeder Staat von seinen Bürgern zu verlangen das Recht hat, auch von denen in Uniform. Nun geht es darum, das Leben derjenigen zu retten, die noch übrig sind, anstatt sie in einen sinnlosen Märtyrertod zu schicken. „Die Ukraine braucht ihre ukrainischen Helden lebend. Das ist unser Prinzip“, sagte der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj.

Deutlicher hätte er den ethischen Unterschied zwischen der um ihre Freiheit kämpfenden Ukraine und dem russischen Aggressor nicht machen können. Nicht nur, dass Russland systematisch Kriegsverbrechen begeht und unter dem Banner des „Z“ Tod und Vernichtung über ukrainische Zivilisten bringt. Moskau behandelt auch seine eigenen Soldaten und selbst junge Wehrpflichtige wie Kanonenfutter, deren Leben keinerlei Bedeutung hat und die deshalb ohne Rücksicht auf Verluste an der Front verheizt werden können.

Davon zeugen etwa die letzten offiziellen Zahlen der Russen über verwundete und getötete Soldaten, wonach verletzte russische Soldaten mehr als doppelt so häufig an ihren Verwundungen sterben als in westlichen Armeen in den jüngsten Konflikten in Irak oder Afghanistan. Weil Moskau offenbar keinen Wert auf rasche Evakuierung von der Front und gute medizinische Versorgung legt. Kein Wunder, dass Russland ein Problem mit der Moral seiner Soldaten hat.

Deshalb ist es so wichtig, dass die ukrainische Führung nun erhebliche Anstrengungen unternimmt, um die Soldaten von Mariupol zu retten. Weil es signalisiert: Jedes ukrainische Leben ist wichtig, gerade auch das Leben derjenigen, die so viel gegeben haben, um die Freiheit ihrer Nation zu bewahren. Die Helden von Mariupol sind durch die Hölle gegangen und haben Todesmut bewiesen in ihrem aufopferungsvollen Kampf. Wenn sie sich nun evakuieren lassen und möglicherweise ihre letzte Bastion in Mariupol aufgeben, dann ist das keine Niederlage. Es ist der Beweis, dass Menschenleben wichtiger sind, als einen inzwischen aussichtslosen Kampf bis zum letzten ukrainischen Soldaten zu führen.

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